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European Manufacturing Survey

EMS: Industrie 4.0 sichert den Produktionsstandort Österreich

Foto: Jenson via shutterstock

Karl-Heinz Leitner

Senior Scientist am AIT Austrian Institute of Technology und Professor für Innovationsmanagement an der Karl-Franzens- Universität Graz

Karl-Heinz Leitner vom Austrian Institute of Technology und sein Team führen den European Manufacturing Survey (EMS) in Österreich durch. Die Studie zeigt: Industrie 4.0 nimmt Fahrt auf, die Unterschiede zwischen den Unternehmen sind aber groß.

Der EMS ist die größte Studie zur Verbreitung von Produktionstechnologien sowie Prozessinnovationen und wird seit 2001 in 12 Ländern durchgeführt. Das letzte Mal 2018. Was sind die wichtigsten Ergebnisse für Österreich?

Zentral ist sicherlich, dass sich die Trends Digitalisierung und Industrie 4.0 eindeutig belegen lassen. Tempo und Niveau der Verbreitung variieren dabei und zeichnen sich durch einen evolutionären Charakter aus. Aktuell werden im Durchschnitt drei von insgesamt elf relevanten Technologien eingesetzt, 2021 werden es vier sein. Die Industrie 4.0-Frontrunner sind typischerweise große exportorientierte Unternehmen in Technologie-intensiven Branchen, die mit ihren komplexen Produkten im internationalen Wettbewerb stehen. Ein Sechstel der österreichischen Betriebe sind Frontrunner, 57 Prozent haben einen mittleren Reifegrad und weitere 27 Prozent haben keine oder eine Technologie eingeführt.

Was sind die zentralen Technologien?

Weit verbreitet sind mittlerweile digitale Produktionsplanung und -steuerung. Siebzig Prozent der Unternehmen setzen diese Technologien ein. Mehr als die Hälfte der befragten Betriebe gibt an, Daten mit Kunden und Lieferanten auszutauschen. Auch der Einsatz von Industrierobotern ist stark gestiegen. Rund ein Drittel der befragten Unternehmen setzen diese bereits ein. Im Jahr 2021 sollen es dann bereits die Hälfte der fertigenden Betriebe sein. 3D-Druck ist zwar nicht für alle Sparten relevant, wird aber bereits von einem Fünftel der Unternehmen für Fertigung oder Prototyping genutzt – auch von kleineren. Künstliche Intelligenz wird aktuell nur von drei Prozent der Unternehmen eingesetzt. Bis 2021 soll sich der Anteil aber verdreifachen.

Wie verändert der Klimawandel den Technologieeinsatz in den produzierenden Betrieben?

Die Hälfte der befragten Unternehmen nutzt bereits Technologien für die Rückgewinnung von Prozessenergie oder den Einsatz erneuerbarer Energien. In diesem Bereich sind auch zukünftig Investitionen geplant, um Energie und damit Kosten zu sparen. Dabei gibt es sicherlich noch viel brachliegendes Potenzial, aber auch Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle, wie etwa den Verkauf von Überschussenergie oder Abwärme. Ein Treiber dieser Entwicklung ist sicherlich der Klimawandel. KundInnen achten mittlerweile auch genauer darauf, ob Unternehmen sich ökologisch verantwortungsvoll verhalten.

Wie ist Österreichs Position im internationalen Vergleich einzuordnen?

Deutschland und die Schweiz weisen eine größere Diffusion von Industrie-4.0-Technologien auf. Berücksichtigt man aber die spezifische Branchen- und Unternehmensstruktur der produzierenden Betriebe, dann verschwindet dieser Vorsprung. Bei der Ausstattung von Industrie und Produktion sind wir genauso wettbewerbsfähig. Das wird auch dadurch bestätigt, dass wir zum ersten Mal beobachten können, dass weniger Unternehmen die Produktion auslagern, während Rückverlagerungen zunehmen. Das spricht für die attraktiven Bedingungen in Österreich und zeigt, wie Industrie 4.0-Technologien zur Standortsicherung beitragen.

Was hat Sie bei den Ergebnissen am meisten überrascht?

Sicherlich, wie stark der Technologieeinsatz von der Unternehmensgröße und Branche abhängt: Größere Unternehmen setzen im Schnitt 4,5 der Industrie 4.0 relevanten Technologien ein, kleine Unternehmen mit 20 bis 49 MitarbeiterInnen dagegen nur zwei. Elektronik, Kraftfahrzeug, Maschinenbau und Metallverarbeitung sind die eindeutigen Vorreiter-Branchen.

Was sind die Hindernisse für KMU?

Größere Unternehmen sind im Vorteil, denn sie können die nötigen Investitionen leichter stemmen, haben mehr Erfahrung mit Innovationsprozessen und einen strategischeren Zugang. Neben der Implementierung von Industrie 4.0-Technologien ist es für kleinere Unternehmen mindestens genauso herausfordernd, entsprechende Geschäftsmodelle zu definieren und eine Investitionsrechnung durchzuführen. Es müssen nicht nur die Kosten der reinen Hardware, sondern auch organisatorische Maßnahmen wie Schulungen mit einkalkuliert werden. Die Einsparungspotenziale durch neue Technologien zu beziffern, ist dabei noch vergleichsweise einfach. Schwieriger ist das bei der Einführung von neuen Produkten und Services. Das macht es riskanter, das angestammte Kerngeschäft zu erweitern. Ein weiterer Hemmschuh ist sicherlich der Fachkräftemangel: Mit wachsendem Technologieeinsatz steigen die Anforderungen an das Qualifikationsniveau der MitarbeiterInnen. Zwei Drittel der befragten Unternehmen geben an, dass es schwierig ist, offene Stellen zu besetzen.

Was kann man auf Basis der Befragung KMU mit auf den Weg geben?

Nur wer offen für die Chancen und Potenziale von Technologien ist, kann von anderen Unternehmen und Branchen lernen. Der Einsatz von Technologie ist eine strategische Herausforderung und muss mit Produktions- und Unternehmensstrategien kompatibel sein. Es ist nicht möglich, von heute auf morgen eine idealtypische Industrie 4.0-Fabrik zu implementieren. Unternehmen sollten aber neue Technologien schrittweise integrieren, um Erfahrungen zu sammeln und damit den nächsten Entwicklungsschritt gehen zu können. Bei der Finanzierung helfen unterschiedliche Fördertöpfe, die viele KMU aber noch nicht für sich entdeckt haben.

Wie kann man ArbeitnehmerInnen für Digitalisierungsprozesse gewinnen?

Es braucht eine offene Unternehmenskultur, die Raum für Partizipation schafft. Mit einem rigiden Top-Down-Vorgehen, das die Belegschaft vor vollendete Tatsachen stellt, werden Digitalisierungsprozesse nicht erfolgreich sein. Man muss strategische Ziele definieren, diese kommunizieren und die MitarbeiterInnen frühzeitig einbinden und ihre Idee in den Implementierungsprozess aufnehmen. Mit dem Einsatz von Technologie verändern sich auch Tätigkeiten und werden anspruchsvoller, aber auch interessanter und gestalterischer. Natürlich müssen Unternehmen ihre MitarbeiterInnen dann auch dabei unterstützen, die notwendigen Qualifikationen zu erlangen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe für die Geschäftsführung, aber wenn man es gut macht, dann kann die Digitalisierung zu Wachstum und damit auch sicheren und spannenden Jobs beitragen.

Sie möchten mehr erfahren?

Informationen zum European Manufacturing Survey unter: tiny.cc/aitaustria

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